David M Peters – Malen mit Licht

 

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Fotografie – Malen mit Licht

Im Anfang war die Welt dem Menschen ein einziges Rätsel. Das mythische Denken wich einer wissenschaftlichen Betrachtung der Vorgänge in der Natur. Wir entdeckten das Phänomen, dass Materie und Licht einander beeinflussen und dass wir diese Wechselwirkung verwenden können.

Darauf erfanden wir technische Apparate, die chemisch-physikalische Phänomene nutzten um uns einen neuen Blick auf die Wunder der Welt zu ermöglichen. Fotochemische Vorgänge und optisch-mechanische Werkzeuge sind seither zu technischer Perfektion optimiert worden.

Die Ausrichtung der Fotoindustrie basiert allerdings auf technischen Werten und Qualitätsmaßstäben der Ingenieure, nicht auf den kreativen Ansätzen der Künstler. Der Nutzer dieser Apparate war und ist somit der Knecht der begrenzten technischen Möglichkeiten des fotografischen Apparates.

Maler wie Courbet, Delacroix und Manet haben im 19. Jahrhundert Fotografien als Skizzenbuch verwendet. Nach fotografischen Vorlagen haben sie viele ihrer Gemälde geschaffen. Die Fotografie hat die Natur ins Maleratelier gebracht.

Diesen Stellenwert hat die Fotografie bis heute. Sie dient als Vorlage für das Erinnern. Der Betrachter blickt durch das Bild hindurch und erinnert sich an das abgebildete Symbol. Somit bleibt das Foto ein Fenster in eine abstrakte konstruierte Realität.

Die Fotografie wurde ausschließlich zur Projektionsfläche. Entweder wird die technische Perfektion oder die Strahlkraft der dargestellten Symbole gefeiert.

Es ist für mich, wie wenn dem Bleistift der Makel anhinge, nichts anderes als gerade Linien zeichnen zu dürfen. Und es ist offenkundig, dass der Bleistift ein vielseitiges Werkzeug ist, das den künstlerischen Ideen des schöpferischen Menschen dient.

Die Malerei hat die Emanzipation von der Rolle des Kopierens der Natur geschafft:
Wie der Maler Franz Marc 1912 zu einer Betrachterin gemeint hatte auf ihre Bemerkung, dass ein Pferd doch gar nicht blau ist: „Dies ist auch kein Pferd, sondern ein Gemälde.“

Die Fotografie ist eine eigenständige, komplexe graphische Technik, deren Elemente vom Künstler individuell zusammengesetzt werden können. Der Fotograf sollte mit den Möglichkeiten der Fotografie spielen und sich nicht nur von den Möglichkeiten des Fotoapparates einengen lassen.

Also zerlegte ich den Fotoapparat, diese Dreifaltigkeit von perfekter Linse, Balgen und optimierter Fotochemie und suchte meine individuelle fototechnische Kombination. Ich baute eigene Lampen und ferngesteuerte Kameras.

Ich zerlegte aber auch den Prozess des Fotografierens: die Frage des darzustellenden Objekts, was oder wer soll wie fotografiert werden. Was ist die Haltung hinter dem Akt des Fotografierens – ist es Beobachtung oder Einflussnahme? Und dann natürlich die Frage jedes Künstlers: inwieweit kann und soll ich persönlich die totale Kontrolle über den Prozess behalten. Für mich war bald klar, dass der schöpferische Prozess von mir nicht vollständig gesteuert werden kann.

Im verdunkelten Raum wird die 4x5 inch Großbild-Kamera auf ein Stativ fixiert. Sie ist fernsteuerbar und belichtet auf Polaroid-Material. Das Modell sieht die Kamera nicht und als Fotograf kann ich nur ahnen, was sie wirklich aufnimmt.

Ich stehe mit der sehr kompakten Lampe nahe beim Modell – es gibt kein Verstecken des Fotografen hinter dem Apparat. Die für die Kamera unsichtbare Lichtquelle ist nicht eruierbar, wohl aber die Effekte der Beleuchtung (Painting with light).

Ein kreativer Tanz entsteht – ich bewege mich mit der Lampe um das Modell und auch das Modell bewegt sich. Mit dem Licht baue ich das Foto auf – Licht-Schicht für Licht-Schicht. Ich arbeite vom Schwarz ins Hell. Verschiedene Folien verändern Farben, Schärfe und Stimmungen. Ich gestalte den räumlichen Bezug nur mit dem Lichtpinsel.

In meiner Arbeit geht es auch um das Einfangen von Zeit. Nur die Fotografie ist imstande, die subjektive Wahrnehmung eines zeitlichen Ablaufes zu reduzieren auf ein objektives Bild. Ein Foto dauert 5 bis 30 Minuten. So entsteht ein Bild mit vielen Ebenen.
Es ist wie ein Film auf einem Kader.

Ich liebe den Zufall und die Magie des Moments. Wenn die Stimmung beim Fotografieren magisch ist, entstehen magische Fotos. Ich gehe mit dem Modell auf Entdeckungsreise in unbekanntes Terrain. Die Resultate sind ein Portrait der gemeinsamen Einstellung von Modell und Fotograf.

Durch das sofortige Umdrucken des feuchten Polaroids auf Aquarellpapier (Polaroid Image Transfer) verschwindet das verräterische und anziehende Foto-Detail. Der Blick des Betrachters soll am Foto an sich haften bleiben und sich nicht sofort auf das Erkennen des Symbols konzentrieren.

Im Dialog zwischen Modell/Fotograf und dem unmittelbar sichtbarem Resultat können Variationen sofort ausprobiert werden.

Die Umdrucke werden digitalisiert. Es werden lediglich Flecken retuschiert und der Kontrast angepasst. Somit sind diese Arbeiten „virgin photography“. Der Ausdruck erfolgt auf Aquarellpapier mit lichtbeständigen Tinten in Auflagen von 10 Stück.

David Peters, Wien 2006